Casper: Ein 28-jähriger, sehr schlanker, auffälliger Tänzer, geboren in der Bronx. Er tritt zusammen mit anderen Tänzern, die ähnlich wie Michael Jackson tanzen, freitags in Oistins oder unter der Woche im Gap auf. Die linke Seite seiner Haare sind blondiert. Ich habe ihn während meines Aufenthalts schon häufig gesehen, er ist bekannt in der Gegend. Ich hatte davor schonmal mit ihm Nummern getauscht, am Montag haben wir das erste Mal etwas länger mit ihm gesprochen, nachdem er sich zu uns an den Tisch in der Hal’s Bar gesetzt hat.

Mittwoch, Habour Lights Flatrate Party, einige Rum and Coke, kurz nach drei Uhr morgens ist Ende. Casper und ein Freund von ihm fragen Touristen, ob Interesse besteht zum Striplokal zu fahren. Wir bräuchten eh ein Taxi in die Richtung und beschließen mit einigen anderen mitzufahren. Dort gerade angekommen, ein Getränk bestellt, Naomi und Ellisha Hallo gesagt, ist aber auch dort schon Feierabend. Mein Kollege ist nach Hause, ich noch kurz mit paar anderen in die 24 Stunden geöffnete Gap-Bar gefahren und ne Runde Pool gespielt.

Donnerstag, letzter Abend. Das wissen auch viele der Locals. In der Hal’s Bar gechillt, paar Rum and Coke, Casper tanzt mit seinen Michael-Jackson-Kollegen. Später stellt sich ein Bekannter von ihm, R., als sein Bruder vor. Gegen halb drei fragt Casper wieder, ob Interesse am Stripclub besteht. Da die Show den Tag zuvor nicht lange dauerte, gehen wir. Wieder mit zwei anderen Touristen im Taxi.

Die Unterhaltung ist gut, ich gehe mit einem der Mädchen in den abgetrennten Bereich für einen Lapdance. Alles cool, nur anschließend fordert sie zusätzlich zum vereinbarten Betrag weitere 20$ ein. R. kommt hinzu und mir wird eindringlich erklärt, dass es zwei Songs statt einem waren und ich zahlen müsste. Nicht mehr ganz nüchtern, kein Bock auf Diskussionen und ich zahle, was rückblickend natürlich ein Fehler war.

Anschließend zurück in den Hauptbereich, etwas chillen auf der Couch neben meinem Kollegen. R. sitzt ebenfalls direkt neben mir und fragt, ob er einen Anruf tätigen kann. Ich habe mein Handy schon so ziemlich jedem im Gap in die Hand gedrückt und bisher kam es immer wieder. Mein Kollege meint dann “Sachma, hat der da dein Handy in der Hand?”, ich bestätige. Casper tanzt in seiner verrückten Art zusammen mit den Mädchen in der Mitte, mein Kollege wird von einer anderen näher bekannt gemacht. Blick nach links wo R. saß: Weg! Ich gucke mich um, ob ich ihn irgendwo anders sehe: Fehlanzeige. Schlagartig nüchtern. Gehe raus aus dem Laden und sehe von oben auf der Treppe noch zwei Taxis das Gelände verlassen. Kann nicht sicher sagen ob er in einem war, es war dunkel und die Fenster verspiegelt. Gehe rein, unterbreche Casper beim Tanzen und sage ihm, dass sein Freund mir gerade mein Handy geklaut hat.

Der Laden war eh kurz vorm Schließen, Ellisha bekommt die Diskussion mit fragt was los sei, ich sage mein Handy wurde gestohlen. Sie rastet fast aus, sie habe mich von Anfang an gewarnt mit welchen Typen ich mich einlassen soll und wie ich so leichtfertig mein Handy weggeben konnte.
Das ist wahr. Ich wurde etliche Male von vielen Leuten gewarnt. Naomi warnt mich vor Travis und generell der anhaltenden Rezession im Land. Marcus, der Barkeeper an der Gap-Bar, vor seinen Kunden. Immer wieder fallen Sätze wie “just be careful”. Ich habe sie ignoriert, zum Teil sehr bewusst.

Viele der Mädchen sind jetzt auch draußen an der Treppe, es wird gefragt ob jemand R. kenne. Wen? Achso ja der wurde schonmal gesehen, aber vielleicht alle zwei Monate mal. Immerhin meint Ellisha, sie kenne jemanden, der ihn wohl kenne. Leo, einer der Clubmanager, macht mich auf die Videokameras aufmerksam, die überall im Club verteilt sind. Das klingt doch ganz gut.

Casper, mein Kollege und ich machen uns nochmal auf zur Gap-Bar, vielleicht streuernt der Dieb ja noch irgendwo rum. Insgesamt sind wir noch zweieinhalb Stunden unterwegs, gesehen haben wir R. erwartungsgemäß nicht. Casper hat auf mich einen ehrlichen Eindruck gemacht, er hat über R. geschimpft und wie er sich so dumm verhalten könne. Trotzdem bleiben Zweifel, wieviel Casper mit der Sache zu tun hat. Ich komme gegen 6:40 Uhr zu Hause an und fall ins Bett.

Freitag, Abreisetag. Meine sehr, sehr freundliche Putzfrau ist für 8:30 Uhr bestellt, meine zwei gestellten Wecker überhöre ich. Gegen 9:00 Uhr werde ich von sehr lauten Geräuschen an den Fenstern geweckt. Ich öffne ihr halbtot in Boxershorts die Tür, sie ist cool und meint sie habe schonmal draußen angefangen zu säubern. Ich entschuldige mich und meine ich muss kurz zur Polizei, bin in etwa einer Stunde zurück. Vorher habe ich über AndroidLost noch kurz gecheckt, ob ich das Telefon orten kann, aber es wurde bereits geflasht oder war aus. Interessant ist aber die letzte Statusmeldung, dass eine unbekannte Sim-Karte eingelegt wurde, inklusive einer Serial-Nummer.

“Guten Tag, ich bin Andreas und möchte gerne einen Diebstahl reporten.” Viel Hoffnung habe ich mir an der Rezeption des Reviers nicht gemacht. Es werden ein paar grundsätzliche Fragen gestellt, der Hergang der Tat ist vorerst nicht interessant. Paar Minuten später kommen zwei andere Polizisten zu mir, ich erkläre den Abend diesmal etwas genauer. “Ah, Sie waren mit Locals unterwegs? Wem denn?”
Ich denke mir wenn ich Hilfe erwarte muss ich ehrlich sein, also sage ich ihnen R.s und schließlich auch Caspers Namen. Letzterer war dem Beamten in meinem Alter anscheinend ein Begriff.

Ein älterer Kommissar kommt dazu und wir beschließen, zum Stripclub zu fahren und die Aufnahmen zu sichten. Auf dem Weg dorthin meint einer der Polizisten “Lass zuerst den Strand checken”. Mein Strand, Maxwell Beach, 700m von meinem Apartment entfernt. Travis, Biggie und Konsorten sind hier tagsüber fast immer anzutreffen. Travis habe ich vor etwa zwei Monaten Geld geliehen und höre mir seitdem Ausreden an, warum er nicht zahlen könne. Ist ok, abgeschrieben.
Wir fahren auf den Parkplatz bis zu einer Treppe, die nur noch für Fußgänger gedacht ist. Wir fahren sie im Polizeiauto runter bis auf den palmenbewachsenen Strand rauf. Biggie kommt uns schon entgegen, gibt dem Kommissar durchs Autofenster einen Faustcheck und fragt mich, ob ich Travis sehen möchte. Haha hat er gedacht ich komm wegen dem Geld mit der Kavallerie an? Ich verneine, der Kommissar fragt ob er Casper kennt. Kenne er. Wo er wohne? Weiß er auch, gut. Wir fahren eine Kurve, befragen die anderen paar Hustler und bekommen die Auskunft, dass ihnen auch R. vom Sehen bekannt sei und er sich wohl gerade im St. Lawrence Gap befinde.
Wir fahren sehr zügig dorthin, aber von R. keine Spur. Wir fahren einmal durchs Gap durch, der Kommissar kennt anscheinend jeden, der etwas nach Kleinkriminellen aussieht und befragt sie nach Casper und R.. “Wen?”, niemand weiß Bescheid.

Zurück zum Stripclub, wir bekommen von einem Herrn der wie der Besitzer aussieht die Information, dass an dem Abend keine Videoaufnahmen der 16 überwachungskameras gemacht wurden. Ah.
Ich dachte zu dem Zeitpunkt ok das wars, ab zum Revier, ein paar Formalitäten und zurück. Wir fahren auch Richtung Revier, aber kurz vorher biegen sie links ab und wir sind bei Casper zu Hause. Viele junge Leute sitzen vor ihren Häusern draußen und beäugen mich kritisch. Casper ist gegen 10:30 Uhr schon wach und sitzt ebenfalls vor seinem Haus, zusammen mit zwei etwas jüngeren Menschen, vielleicht seine Schwester mit ihrem Freund.

Der Officer befragt ihn wo sei Handy sei. Er zeigt es. Er wird im deutlichen Ton wiederholt gefragt, ob er weitere Handys besitze und ob sich noch etwas im Haus befinde. Die beiden anderen werden ebenfalls gefragt, Casper wird mit zur Wache genommen. “Please be safe!”, sagt das Mädchen im flehenden Ton.

Auf der Wache komme ich in den Besucherbereich, Casper in den für die Verdächtigen. Wir haben Blickkontakt. Wir werden nochmal unabhängig voneinander zum Tathergang befragt. Viel Wartezeit, Casper ist mit dem Beamten an einem Rechner zugange, ich werde hinzugebeten und sehe ein Facebook-Bild von dem angeblichen R. Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher ob er das ist, aber er wirds wohl gewesen sein. Ich höre, wie Casper anschließend einige Male mit Ellisha telefoniert. Zuvor hat er den Beamten schon eine Liste von Namen erstellt, unter denen R. bekannt ist. Bestimmt 10 Stück.
Irgendwann kommt ein sehr betrunkener, älterer Mann rein der ununterbrochen irgendetwas grölt. Er wird direkt neben Casper gesetzt, welcher mehr als einmal die Augen verdreht.

Meinem Kollegen aus Deutschland habe ich gesagt, ich werde spätestens um 12:00 Uhr bei ihm sein um die Abreise vorzubereiten. Mittlerweile ist es 13:00 Uhr und ich frage die Beamten, ob ich verschwinden kann, um ihm Bescheid zu geben. Ein Polizist nimmt mich mit, sagt, er müsse noch einen anderen Polizisten abholen und dann fährt er mich zum Apartment. Im asozialen Fahrstil holen wir seinen Kollegen ab. Ich werde nochmal gefragt was passiert sei. “Oh, im Stripclub warst Du? Wegen Mädchen?” … “Mein Kollege hier steht auf Jungs, er hat ein großes Problem!”. Hat er ihn einfach mal geoutet, ok. Ich lache nicht, ich sage nichts. An dieser Stelle sei erwähnt, dass homosexuelle Handlungen auf Barbados per Gesetz verboten sind. Sie werden zwar nicht von der Polizei verfolgt, es ist aber der Analverkehr sowohl zwischen homo- als auch heterosexuellen Paaren strafbar. Die Strafe beträgt lebenslängliche Haft. Wow.

Ich komme bei meinem Apartment an, treffe meinen Kollegen und die Putzfrau, die verständlicherweise schon langsam unruhig wurde. Sie hat nicht nur die Endreinigung gemacht, den Müll rausgebraucht, die Lebensmittel wegsortiert sondern auch noch gleich meinen kompletten Koffer gepackt. Ich lasse ihr ein gutes Trinkgeld geben und mich zurück zur Wache bringen.

Ich bekomme Durst und gehe erst Geld abheben und anschließend zum Kiosk zwei Cola kaufen. Auf der Wache will ich Casper eine geben, werde aber vom Wachtmeister abgehalten. Ich könne ihm nicht einfach so etwas geben. Aber wenn ich einen Schluck nehme und ihm die Flasche dann gebe, wäre es in Ordnung. Denken die, ich will ihn vergiften? Es war mir natürlich bewusst, dass Casper involviert sein könnte und es merkwürdig kommt, ihm dann auch noch was zu schenken. Entsprechende Blicke kamen dann auch von den Beamten.

Endlose 90 Minuten später frage ich beim inzwischen komplett durchrotierten Team nach, was denn jetzt mit R. sei. Ich habe nicht mehr viel Zeit, mein Flieger geht in absehbarer Zeit und habe keine Ahnung, wie der Status ist. “Wer? Und wieso warten Sie hier eigentlich den ganzen Tag? Sie haben einem Fremden ihr Telefon gegeben? Davon kann ich ja nur abraten!” Ah, ok. Letztendlich machen sie den Kommissar ausfindig, rufen ihn an und er meint er sei in 5 Minuten zurück.

Ich habe ein Gespräch mit ihm oben in seinem Büro, er nimmt nochmals meine Personalien auf, bekräftigt dass er mir sehr gerne das Telefon zurückgebracht hätte. Er erzählt, dass er R.s Adresse ausfindig gemacht, dort seine Mutter interviewt hat. Sie sagt R. sei außer Kontrolle, ein sehr intelligenter Kopf mit Drogenproblemen. Manchmal übernachte er bei seinen Cousins. Der Kommissar war anschließend auch noch dort, aber R. war auch da nicht anzutreffen. Immerhin habe man seine Daten, er sei bei einer anderen Wache auch schon öfter aufgefallen und man werde mich informieren, wenn es Neuigkeiten gebe. Immerhin kann er sich nicht auflösen. Er schreibt mir den vollständigen Namen von R. sowie seine genaue Adresse auf. Ich bedanke mich für den in meinen Augen außergewöhnlichen Einsatz der Beamten und lasse mich nach der freundlichen Verabschiedung von Casper vom Sergeant nach Hause fahren.

Die Chancen, dass noch etwas nachkommt, sind natürlich gering. R. wird den Diebstahl abstreiten, Geschichte zu Ende. Meine Leichtfertigkeit hatte am Ende des Urlaubs doch noch Folgen und ich bin ein Handy ärmer, eine Erfahrung reicher.